Pfarrer Gern und seiner frühgotischen St. Antoniuskirche

Liebe Gemeinde!

In meinen Predigten erzähle ich öfter vom Pfarrer Gern und seiner frühgotischen St. Antoniuskirche auf dem Dorf. Der Pfarrer Gern ist ein guter Beobachter und ein kritischer Zeitgenosse. Er richtet seinen Blick auf die gesellschaftlichen Entwicklungen. Und in der Leitung seiner Gemeinde nimmt er kein Blatt vor den Mund. Allerdings bringt er sich mit seinem Eifer immer wieder auch in vermeidbare Schwierigkeiten.

Zu Beginn der Corona-Pandemie im vorigen März haben die Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher der St. Antoniusgemeinde ihren Pfarrer gedrängt: „Arthur, lass uns mit den Gottesdiensten pausieren! Es ist verboten, und es wird auch niemand kommen.“ – Aber der Pfarrer Gern hat nur laut geschimpft: „In meiner ganzen Amtszeit habe ich niemals einen Gottesdienst ausfallen lassen! Dann gehe ich in den Untergrund. Schließlich hat schon der Apostel Petrus gesagt, dass man Gott mehr gehorchen muss als den Menschen.“ – Die Küsterin, eine gestandene Mittsiebzigerin, hat für den Sonntag einfach die Kirchenheizung abgestellt. Als der Pfarrer Gern am Sonntagmorgen in die frühgotische St. Antoniuskirche gekommen ist, waren es 8 Grad Celsius im Kirchraum, nichts war vorbereitet, der Organist hatte schon mitteilen lassen, dass er den Dienst verweigere, und auch die Gottesdienstgemeinde war zuhausegeblieben. Da hat der Pfarrer Gern ein stilles Gebet gesprochen, ein sehr langes stilles Gebet, darin hat er mit dem lieben Gott gestritten, und ist danach wieder hinübergegangen ins Pfarrhaus und hat sich erstmal in sein Amtszimmer zurückgezogen.

Zum Mittagessen ist er aber dann doch in die Stube gekommen, ganz traurig sah er aus. Da hat die Frau Gern ihren Mann auf sein Bibelzitat angesprochen: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen. (Apg 5,29) „Arthur, was hast du dir nur dabei gedacht?! Die Menschen, die aus Vorsicht vor einer Ansteckung zuhausebleiben, sind doch damit nicht ungehorsam gegen Gott! Und wenn du den Verordnungen des Gesetzgebers folgst, tust du doch nichts Falsches! Was Gott allerdings von uns allen erwartet ist, dass wir in unserer Liebe zu ihm und zu unseren Nächsten nicht nachlassen, auch in unbequemen und ungewohnten Situationen nicht.“ – „Darüber muss ich noch meditieren“, hat der Pfarrer Gern geantwortet und ist gleich nach dem Mittagessen wieder in seinem Arbeitszimmer verschwunden. Als er wieder herausgekommen ist, hatte seine Stimmung sich sichtlich gehoben, und er war schon wieder voller Tatendrang: „Was können wir tun, hat er seine Frau gefragt, um die Menschen zu unterstützen, die jetzt allein in ihren Häusern sitzen und niemanden zum Reden haben?“ – „Nun bleib mal ganz ruhig“, hat die Frau Gern entgegnet, die ihren Arthur natürlich kannte: „Erstens können die Menschen noch mit Gott reden: sie können beten, und dann erst sind wir als Kirchen- und Dorfgemeinde dran, und glücklicherweise gibt es das Telefon. Wer etwas von dir will, wird dich schon anrufen!“

Liebe Gemeinde, ich gebe zu: der Pfarrer Gern ist eine Kunstfigur, so ist auch diese kleine Geschichte eine von mir erdachte Geschichte. Aber der Kern ist wahr. Die Pandemie hält uns alle weiterhin in Atem, auch in der Kirche und Gemeinde, und in der Pandemie ist das auch weiterhin unsere Aufgabe:

  • - dass wir erstens in Verbindung bleiben mit Gott und nicht nachlassen im Gebet,
  • - dass wir zweitens untereinander in Verbindung bleiben und dabei gerade diejenigen einbeziehen, die niemanden haben, aber ebenso,
  • - dass wir drittens gelassen bleiben und uns auch von den unterschiedlichsten Umfragen, Entwicklungen und Entscheidungen nicht aus der Ruhe bringen lassen.

Glücklicherweise dürfen wir schon seit dem Mai wieder Gottesdienste feiern und tun das auch in aller Entschlossenheit. Aber auch diese Sprachrohrausgabe – und jedes noch so alltägliche Gespräch, das du führst, können in dir die Gewissheit wachhalten, dass du nicht aus der Gemeinschaft herausfällst. Du bleibst verbunden: mit den Menschen und mit Gott!

Freundlich grüßt Sie und euch

Achim Heldt, P.